Prolog

 

Samira Sinner war gerade mal zwölf Jahre alt als sie ihre Unschuld verlor. Ihre Mutter war vor genau einem Jahr in einer Nacht –und Nebelaktion verschwunden. Seit diesem Tag hatte sich einfach alles verändert. Nicht nur, dass sie mit der Tatsache klarkommen musste, dass ihre eigene Mutter ohne ein Wort des Abschieds einfach aus ihrem Leben verschwunden war, so hatte sie auch ihren früher so liebevollen Vater verloren.

Das erste halbe Jahr hatte er mit der Polizei und den Nachbarn voller Verzweiflung jedes Viertel ihrer Stadt durchkämmt, um seine Frau wiederzufinden und hatte seine beiden Töchter mit Versprechungen überhäuft, dass bald alles wieder gut sein würde. Dabei hatte er sich diese Tatsache mehr versucht selbst einzureden als ihnen, denn sie wussten es besser. Sie hatten ihre Mutter gekannt, obwohl sie kaum für sie da gewesen ist.

Sie kannten ihre kühnen, funkelnden Augen, die nach Abenteuern lechzten. Ihren vollen, sinnlichen Mund, mit dem sie alles und überall in der Welt kriegen konnte, was sie wollte. Und sie kannten die roten Flecken an ihrem Hals. Flecken von anderer Männer Mündern. Sie waren sich nicht einmal sicher, ob sie denselben Vater hatten, denn selbst ihre Art mit dem Verschwinden der Mutter umzugehen, war so unterschiedlich.

Während Jennifer untröstlich war und viel weinte, weil sie trotz allem eine Mutter in Jean gesehen hatte, verachtete Samira diese Frau nur aus tiefstem Herzen. Sie fühlte sich zurückgestoßen und ungewollt und mit jedem Tag, der verging schwelte dieses Gefühl mehr in ihrer Brust, sodass sie begann, es dadurch zu kompensieren, die Jungs ihrer Klasse dazu zu bringen, sie zu beachten. Sie schnitt sich ihre Jeans kurz, riss Löcher in ihre Oberteile  und betonte ihre sinnlichen Lippen. Die Lippen ihrer Mutter. Die Lippen einer Lügnerin…

Sie behauptete gern mit einem gewissen Stolz von sich, innerlich tot zu sein und dass es nichts und niemanden gäbe, der sie noch aus der Fassung bringen konnte. Bis auf den Tag, an dem ihr Vater die Veränderungen an ihr bemerkte und begann, all seine angestaute Wut und seinen verletzten Stolz an seiner Tochter auszulassen, die der Frau, die ihm so wehgetan hatte nun jeden Tag ähnlicher wurde.

Das erste Mal war Samira so verängstigt und geschockt, dass sie ihrer Schwester nichts davon erzählte. Die nächsten Male fühlte sie sich so gedemütigt, dass es gerade sie traf, dass sie entschied, so zu tun, als wäre es nie passiert.

Die kommenden Jahre sollte es allerdings noch schwieriger werden, die Male zu verbergen. Noch hatte er Mitleid, denn noch steckte etwas von dem Kind in ihr, das er einst mit Jean großgezogen hatte. Das Kind, welches sie immer „meine kleine Begleiterin der Nacht“ genannt hatte, weil ihr Name genau das bedeutete. Ob sie damals schon gewusst hatten, wie passend dieser Name einst für ihre jüngste Tochter sein würde? Ob sie schon immer gewusst hatten, wie sehr sie nach Jean schlug? Wäre es auch so gekommen, wenn sie geblieben wäre?

So saß Samira an diesem regnerischen Nachmittag allein in ihrem Zimmer, leckte ihre Wunden, indem sie ihre Male an Hals und Schultern mit Make-up überdeckte und sah hasserfüllt ihr Gesicht im Spiegel an. Sie musste unbedingt stärker werden. Stark und unabhängig. Niemals würde sie sich, wäre sie erst einmal erwachsen, je wieder so von einem Mann beherrschen lassen, wie sie nun von ihrem Vater beherrscht wurde. Sie war zu stolz, um Hilfe zu bitten. Diese Genugtuung wollte sie ihm nicht gönnen. Doch sobald sie volljährig wäre, das schwor sie sich jetzt, würde sie gehen. Weit weg, in ein anderes Land, wo nichts und niemand sie an ihr elendiges Dasein hier erinnern würde. Bis dahin waren es noch sechs Jahre. Ihr Mut sank. Wie sollte sie die nur überleben?

In diesem Moment hörte sie die Töne zum ersten Mal und sie erstarrte. Es war als würde ihr ein Engel auf die Schulter tippen, etwas in ihr erwachte. Wie hypnotisiert stand sie auf und drehte das Radio lauter.

„Somebody will find you someday…“ Jemand wird dich Einestages finden… Ihr schossen Tränen in die Augen. Es waren nicht nur die Worte, es war auch die Stimme, die sie glaubte, aus einem früheren Leben zu kennen. Sie war so schockiert von den Emotionen, die da in ihr aufstiegen, dass sie sich eine Hand vor den Mund hielt, während sie atemlos nach Luft schnappte und die Tränen überschwappten..

So lernte sie die Band kennen, die ihr in jeglicher Art und Weise das Leben rettete.



Kapitel Eins

Auf der Straße des Vergessens

 

Sie war auf der Flucht. Oder auf der Suche. Oder vielleicht war es auch beides. Alles war aus ihrem Kopf verschwunden. Sie wusste weder, wer sie war, noch was sie hierher gebracht hatte. Sie wusste nur, dass sie Todesangst hatte. Das Gefühl war so nagend und allgegenwärtig, dass es sie allmählich von Innen zerfraß.

Darum trat sie das Gaspedal noch fester durch und brauste zügellos in dem kleinen schwarzen Lupo durch die kalte Winternacht. Dass es Winter war, erkannte sie an Eis und Schnee. Den genauen Monat jedoch hätte sie nicht zu bestimmen vermocht. Woher sie dann wohl wusste, was Eis und Schnee waren? War das eine Art Ur-Wissen, das man nicht mehr vergessen konnte, wie etwa den Drang danach, Luft zu holen? Und warum vergaß sie diesen dann ab und an, so wie jetzt? Das Herz in ihrer Brust wurde eng und sie schnappte eilig nach Atem. Sie wusste auch, dass man dieses Gefühl, eine Panikattacke nannte. Wie konnte jemand eine Panikattacke bekommen, der keine Gefahr mehr spürte? Und wie konnte sie keine Gefahr spüren, wenn sie sich doch so sehr ängstigte?

Alles in ihrem Kopf drehte sich. Die Fragen türmten sich zu einem Berg, über den sie nicht mehr zu herrschen vermochte. Sie trat das Gas noch weiter durch und jagte den Wagen an sein Limit, obwohl die Straßen von einer dicken Eisschicht überzogen waren. Was hatte sie schon noch zu verlieren? Sie schien nichts mehr zu besitzen außer dem Jetzt. Wo war der Rest ihres Lebens geblieben?

Es musste jetzt schon ungefähr zwei Stunden her sein, dass sie auf dem Beifahrersitz eben dieses Wagens mit einem dröhnenden Kopfschmerz und totaler Leere in ihrem Hirn aufgewacht ist. Der Parkplatz war groß und leer gewesen bis auf einen Brummi, der einsam und verlassen nahe der kleinen, friedlich wirkenden Tankstelle gestanden hatte. Alles hatte so… normal gewirkt. So sicher.

Doch ihr Herz hatte gerast, neben all den scheinbar verlorenen Erinnerungen, hatte sie auch keinen anderen klaren Gedanken mehr fassen können. Doch eines hatte sie instinktiv schon gewusst, bevor sie aus dem Auto gestiegen war und die beiden Blutlachen entdeckt hatte – sie wurde verfolgt. Ihr Hinterkopf schmerzte unbeschreiblich, darauf schlussfolgerte sie, dass sie jemand bewusstlos geschlagen haben musste. Nur wer und warum? War sie vielleicht in irgendein krummes Ding verwickelt gewesen? Drogen? Diebstahl? Wenn sie unschuldig wäre, hätte man sie schließlich nicht verschont. Diese verborgene Angst und die Befürchtung, dass hier alles irgendwie verdient zu haben, hielten sie davon ab, einfach zur Polizei zu gehen.

Wieder stieg das Bild des blutigen Asphalts hinter dem Auto vor ihren Augen auf und sie schüttelte sich heftig. Der Drang, sich übergeben zu müssen, wurde immer stärker, doch noch behielt ihre Angst die Oberhand, sodass sie nur weiter stur geradeaus fuhr. Sie wusste, dass sie irgendwann würde tanken oder sich eine Bleibe suchen müssen. Aber im Moment wollte sie einfach nur immer weiter fahren bis der Horizont sie verschluckte.

Wohin konnte sie gehen? Gab es einen Platz für sie? Ob sie jemand vermisste? Sie hatte nicht das Gefühl, ein Zuhause zu haben, so paradox das auch klingen mochte, schließlich konnte sie ja gar nicht wissen, wie sich ein Zuhause anfühlte. Oder?

Sie wollte einen Punkt machen und Ruhe in ihren Kopf kehren lassen, doch je mehr sie das versuchte, desto mehr Fragen tauchten auf. Mit wem ist sie unterwegs gewesen? Wer war nun tot? Wie viel Schuld trug sie daran? Kurz schoss ihr auch der heiße, panische Gedanke durch den Kopf, dass sie den Mord ja auch selbst begangen haben könnte, bis sie sich damit trösten konnte, ja bewusstlos gewesen zu sein.

So beruhigt wie eine Frau in dieser Lage nur sein konnte, fuhr sie also weiter und warf dabei immer wieder hektische Blicke in den Rückspiegel. Es war ihr, als säße ihr das Grauen direkt im Nacken. Wann würden sie sie wohl einholen, um das zuende zu bringen, was sie begonnen hatten?

Wieder warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel und verharrte dabei auf dem Gesicht der jungen Frau mit den kastanienbraunen, gewellten Haaren und den hellgrünen Augen einer Katze. Alles an diesem Gesicht wirkte gefährlich, selbst wenn Angst aus ihm heraus strahlte und sie wünschte, sie könnte eine andere Identität annehmen, obwohl sie momentan noch nicht einmal eine besaß. Irgendwie hatte sie das schreckliche Gefühl, dass sie den Menschen gar nicht erst kennen lernen wollte, der sie einmal gewesen sein musste… der sie wahrscheinlich noch vor vierundzwanzig Stunden gewesen ist.

Sie schätzte sich selbst auf Anfang zwanzig. In ihren Augen verbarg sich eine gewisse Geschichte, die sie aber noch entschlüsseln musste. So etwas wie Neugier regte sich langsam und ihr Lebenswille kehrte zurück. Zuerst hätte sie gern ihren Namen gewusst. Wenn sich ihr dieser nicht wie von Zauberhand in den nächsten Stunden offenbaren würde, würde sie sich ganz einfach einen ausdenken, das war kein Weltuntergang.

Ganz in Gedanken versunken, kramte sie in ihrem Kopf nach Namen und geriet dabei auf der rutschigen Straße ins Schleudern. Sie keuchte auf und riss hektisch das Lenkrad herum, dabei wäre sie beinahe durch die Leitplanke geschossen, die die Straße von einem metertiefen Abgrund trennte. Das Auto ächzte und stöhnte fürchterlich. Ihr brach der Schweiß auf der Stirn aus und sie stieg voll auf die Bremse. Das Auto drehte sich noch einmal um die eigene Achse, sodass sie schließlich verkehrt herum, mit dem Blick auf den Weg, von dem sie gekommen war, auf der Straße stehen blieb.

„Scheiße.“ Sie bettete den Kopf auf dem Lenkrad und ließ das erste mal, seit sie in diesem bizarren Dasein erwacht war, Tränen zu. Sie fühlten sich heiß und nass und befreiend an. Sie schloss die Augen und spielte kurz mit dem Gedanken, einfach so lange hier stehen zu bleiben, bis ihr Mörder sie fand oder ein anderes Auto in sie hinein fahren und sie über die Leitplanke schleudern würde. Vielleicht sollte sie ja gar nicht mehr am Leben sein. Vielleicht war es ihre Bestimmung, jetzt tot zu sein. Und irgendwie fühlte sie sich schon genau so. Wie eine lebende Leiche. Da war nichts in ihrer Brust, was sie vom Gegenteil hätte überzeugen können.

Sie warf den Kopf in den Nacken und atmete tief durch, dabei fiel ihr Blick abermals in den Rückspiegel. Sie hatte in der letzten Stunde schon tausend mal hinein gesehen, doch erst jetzt entdeckte sie den kleinen Gegenstand, der verwaist auf der Rückbank lag und den umgestülpten größeren daneben. Ein Beißring und ein Tragekorb für ein Baby. Ihr Herz sprang in ihren Hals und verweilte dort schmerzhaft puckernd. Noch mehr Tränen brachen sich Bahn. Sie war mit einem Baby unterwegs gewesen und jetzt war es weg!

Wieder schossen die Bilder der Blutlachen – die eine etwas kleiner als die andere – in ihren Kopf und sie schrie hysterisch auf, drehte den Schlüssel im Zünder und stieg voll aufs Gas, um zu wenden. Heißer Hass loderte durch ihre Venen. Sie hatte nicht das Gefühl, schon Mutter gewesen zu sein, doch sie hätte ihre Hand dafür ins Feuer gelegt, dass sie dieses Kind mit jeder Faser ihres Seins liebte und sie würde denjenigen zur Strecke bringen, der ihm etwas angetan hatte. Endlich waren alle Fragen verschwunden und sie wusste genau, was sie zu tun hatte. Süße Rache erfüllte die Stelle, an welcher vorher nur Leere gewesen war und sie begann, nach einem Rastplatz Ausschau zu halten.

Sie wurde bald belohnt. Plötzlich tauchten Lichter und Stimmengewirr in der Dunkelheit auf und sie bog erleichtert auf einen hell erleuchteten Parkplatz nahe einem großen Gebäude, das von einem Park umrahmt wurde ein. Hier fühlte sie sich seltsam sicher und wohl, was wahrscheinlich daran lag, dass gerade hunderte von Menschen aus dem Gebäude strömten. Alle waren bester Laune und lachten oder sangen Lieder, die sie seltsam berührten. Gern hätte sie sich zu ihnen gesellt und die Dunkelheit in sich mit Licht gefüllt, aber sie hatte nun eine Aufgabe und so blendete sie alle Geräusche aus und stellte das Auto auf den hintersten Winkel des Parkplatzes, wo es in der schwarzen Dunkelheit dieser mondlosen Nacht nicht auffiel.

Sie nahm sich noch einige Minuten Zeit, sich zu sammeln und betrachtete dabei ihre nähere Umgebung. Vor ihr erstreckte sich ein tiefschwarzer See, der alles andere als einladend wirkte. Zusammen mit dem großen Gebäude schien er das Herzstück dieses Parks zu sein. Weit und breit konnte sie nichts anderes als Bäume entdecken, was sowohl für sie als auch für ihre Verfolger ein gutes Versteck bedeutete.

Dennoch fühlte sie sich so sicher, dass sie das erste Mal seit Stunden wieder aus dem Auto stieg. Ihre Handknöchel schmerzten, weil sie die Hände so fest um das Lenkrad geklammert hatte und auch ihr Rücken protestierte bei jeder Bewegung, von ihrem Kopf ganz zu schweigen. Die Kälte raubte ihr fast die Sinne, trotzdem tat die frische Luft mehr als gut und als sie einige Atemzüge genommen hatte, legte sich auch ihr Herzflattern etwas.

Langsam, um kein Aufsehen zu erregen, ging sie ein paar mal um das Auto herum, doch bis auf die Blutspritzer, die sie vor Stunden schon gesehen hatte, war nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Der Täter hatte sich nicht mit Gewalt Zutritt ins Wageninnere verschafft. Anscheinend hatte sie sich vollkommen sicher gefühlt oder ihn sogar gekannt.

Sie beschloss, sich das Wageninnere noch genauer anzusehen, obwohl es ihr widerstrebte, noch einen Blick auf das Baby-Zubehör werfen zu müssen. Sie musste nicht lange suchen. Im Fußbereich der Rückbank stand eine Handtasche, die sie so ungeschickt hervorzerrte, dass sie der Inhalt auf dem gesamten Rücksitz verteilte. Sie schenkte nur der Geldbörse Beachtung, nahm sie eilig an sich, um sämtliche Fächer darin nach etwas zu durchsuchen, was ihr einen Hinweis auf ihre Herkunft geben könnte. Aber sie war komplett leer geräumt.

„Nein!“, fluchte sie und stampfte verzweifelt mit dem Fuß auf, während sie gegen neuerlich aufkommende Tränen ankämpfte. Das wäre auch zu einfach gewesen. Sie besaß weder eine Identität noch verfügte sie über Kleingeld. Wie konnte sie in ihrer Lage riskieren, in ihrem Wagen zu übernachten?

„Was macht eine so schöne Frau denn so abseits vom Geschehen?“

Sie zuckte so heftig zusammen, dass ihr die Geldbörse aus der Hand fiel und war sich sicher, gleich in die Augen ihres Mörders sehen zu müssen. Dennoch oder gerade deshalb, drehte sie sich kampflustig zu dem Mann mit der tiefen Stimme um. Und wäre vor seinem Anblick beinahe in die Knie gegangen. Ihre Angst war wie weggewischt als sie in seine strahlend blauen Augen in dem Gesicht eines Hollywood-Stars sah. Er war fast drei Köpfe größer als sie und hatte weizenblondes Haar. Er war zum Weinen schön, sodass sie sich fragte, ob sie jetzt halluzinierte.

„Entschuldige. Habe ich dich erschreckt? Du warst sicher auch beim Konzert, oder?“ Er sprach nur sehr gebrochen Deutsch, was unglaublich charmant und zugleich harmlos klang. Er besaß genau die richtige Mischung aus Unschuld und Verwegenheit, die Frauen interessant fanden.

Sie spürte, dass er auf eine Antwort wartete und schüttelte stumm den Kopf. Was hätte sie ihm denn sagen sollen? Das hier war schließlich das erste mal, dass sie überhaupt auf einen anderen Menschen traf, zumindest soweit sie sich daran erinnern konnte. So musterte sie ihn mit unverhohlener Neugier. Er war deutlich älter als sie selbst, obwohl er etwas sehr Jugendliches an sich hatte, doch seine Augen erzählten von der Welt, von welcher sie nicht einmal einen Bruchteil kannte.

Er hatte ein selbstgefälliges Lächeln, das eine stumme Einladung aussandte. „Ist alles okay bei dir?“

Diese Frage war verständlich. Sie musste auf ihn wirken wie ein verschrecktes Reh. Sie sammelte sich und erwiderte mit zitternder Stimme: „Ich habe mich verfahren.“

Erst jetzt schien er ihren Zustand wirklich wahrzunehmen und musterte sie von Kopf bis Fuß, sodass sie sich wie auf dem Präsentierteller vorkam und wünschte, sie könnte im Boden versinken.

Er legte den Kopf schräg und sah sie forschend an. „Wie heißt du?“

Wieder brach ihr der Schweiß auf der Stirn aus. Warum war er ihr so vertraut, so seltsam nah, dass sie ihm unbedingt die Wahrheit sagen wollte? „Ich… ähm…“

Er sah sie besorgt an, was sie noch nervöser machte. Ihre Hände waren schweißnass. Ob sie immer so tollpatschig im Umgang mit Männern gewesen war oder nur jetzt, da sie vergessen hatte, wie das Spiel ging?

Sie schob ihre Hände tief in die Taschen ihrer Jeans, damit er nicht sah, wie sehr sie zitterten. Dabei erfühlte sie etwas und ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Das fühlte sich wie ein Pass an! So unauffällig wie möglich zog sie ihn heraus, sah kurz darauf, speicherte sich die Informationen ab und ließ ihn wieder in ihrer hinteren Hosentasche verschwinden. Ihr Herz hämmerte nun schmerzhaft. Ihr Alter, ihre Adresse, ihr Name!!

„Samira.“ Sie hörte selbst, wie atemlos und heißer das klang. „Samira Sinner.“

Das klang ja nach reiner Sünde! Hatte sie wirklich nichts mit den Morden zu tun? Der Mann sah sie jetzt an, als ob er ihre Gedanken lesen könnte und stellte schließlich fest: „Das hast du gerade abgelesen. Du hast keine Ahnung, wer ich bin, oder?“

Da platzte ihr der Kragen. Was sollte das denn jetzt? Wollte er sich aufspielen? „Woher zum Teufel soll ich bitte wissen, wer du bist, wenn ich nicht einmal weiß, wer ich bin!!?“

„Shh.“, sagte er leise und hob in einer ruhigen Geste beide Hände, um sie ihr dann sacht auf die Schultern zu legen. Die Berührung war wie ein elektrischer Schlag und sie zuckte zurück. Sofort ließ er sie wieder los und fast hätte sie ihn angefleht, sie an sich zu ziehen.

Er sah in ihre grünen Augen, sah auf die Schneeflocken in ihrem Haar. Etwas stimmte nicht mit dieser kleinen zerbrechlichen Frau. „Du bist in Sicherheit. Ich helfe dir. Ich heiße Sem.“

Der Name kam ihr schrecklich bekannt vor. Sie musterte ihn verzweifelt und kramte nach Erinnerungen. Hatte er etwas mit den Morden zu tun und mimte den netten Lebensretter? Konnte sie ihm trauen? Warum fühlte sie sich so zu ihm hingezogen???

„Ich brauche deine Hilfe nicht!“, sagte sie voller entschlossener Kälte und rannte an ihm vorbei in Richtung des Gebäudes. Doch je näher sie ihm kam, desto mehr drängte auf sie ein. Emotionen, Emotionen, Emotionen. Kein Bild, keine Erinnerung. Aber Gefühl. Da überwältigte sie alles und ihr erschöpfter, geschundener Körper sackte kraftlos im Schnee zusammen.

 

Als sie die Augen wieder aufschlug, wurde sie von einer Welle aus Schmerz und Verwirrung empfangen. Nur langsam kamen die Erinnerungen an die letzten Geschehnisse zurück, nicht aber jene, an ihr Leben. Wie war noch gleich ihr Name gewesen? Hatte sie diesen nicht vor ihrer Ohnmacht noch gewusst? Warum war alles in ihrem Kopf so schrecklich schwammig?

Alles, was sie klar sehen konnte, war das Bild eines wunderschönen Mannes und jetzt wusste sie nicht einmal mehr, ob er echt oder nur ihrer Einbildung entsprungen war. Und wo befand sie sich überhaupt? Hektisch setzte sie sich auf, wobei ihr die Decke vom Körper rutschte, was sie darauf aufmerksam machte, dass sie nur noch Unterwäsche trug. Panisch raffte sie das Laken um ihren Körper und sprang auf.

Sie befand sich eindeutig in einem Hotelzimmer, in einem sehr luxuriösen Hotelzimmer, in dessen Kamin ein prasselndes Feuer flackerte. Wie war sie hierher gekommen? Sie drehte sich einmal um die eigene Achse, da entdeckte sie die offen stehende Balkontür, in welcher der Wind die langen Vorhänge bauschte. Sie stolperte um das Bett herum, schlich näher und spähte vorsichtig nach draußen.

Da war er! Dieser Mann! Sem! Die Erinnerung an ihr Aufeinandertreffen kehrte zurück. Und mit ihr die Erkenntnis, dass dieser schöne Fremde, sie einfach mit in ein Hotelzimmer geschleppt, ausgezogen und in sein Bett gelegt hatte. Panisch stolperte sie rückwärts Richtung Tür, dabei stieß sie gegen den schmiedeeisernen Bettpfosten und fluchte schmerzerfüllt auf.

Das erregte natürlich seine Aufmerksamkeit und er kam mit besorgtem Gesichtsausdruck zu ihr geeilt. „Du bist ja wach! Leg dich lieber wieder hin.“

„Soll das eine Drohung sein!“, fuhr sie ihn mutiger an als sie sich fühlte und er zuckte erschrocken zusammen. Als ihm aufging, worauf sie hinaus wollte, erwiderte er ärgerlich: „Du bist im Schnee zusammen gebrochen. Hätte ich dich vielleicht lieber da liegen lassen sollen?“

„Und meine Klamotten?“

„Die waren nass. Ich wollte nicht, dass du dir eine Erkältung holst.“

„Ach und da hast du sie mir einfach ausgezogen?“, schrie sie und wusste dabei mit ihrem Entsetzen über so viel Grobheit nicht wohin.

„Ja.“, erwiderte er schlicht. „Und wenn du jetzt aufhörst zu schreien, können wir vielleicht gemeinsam überlegen, wie es jetzt weitergehen soll.“

Die Panik verdrängte ihre Wut. „Wie meinst du das?“

„Du weißt ja offensichtlich nicht einmal mehr, wer du bist. Eigentlich müsste ich dich zur Polizei bringen.“

„Nein! Bitte.“, sagte sie atemlos und fasste mit beiden Händen eine seiner Hände, die erstaunlich rau für jemanden waren, der so aussah, als hätte er noch keinen Tag in seinem Leben harte Arbeit verrichtet.

Er sah zuerst auf ihre Hände, die seine Rechte umklammerten, dann in ihr verzweifeltes Gesicht und schließlich grinsend auf das Laken, das unbemerkt von ihrem Körper zu Boden gefallen war. Sie folgte seinem Blick, kreischte kurz auf und riss es wieder an sich. „Glaubst du, ich hätte so etwas noch nie gesehen?“

„Es ist mir egal, was du alles gesehen hast. Auf jeden Fall nicht mich und grins nicht so unverschämt!“

Zufrieden stellte er fest, dass sie jetzt wenigstens wieder etwas Farbe im Gesicht hatte. Er führte sie zurück zum Bett und zwang sie mit sanfter Gewalt, sich zu setzen, während er genau wusste, dass sie sich das nur gefallen ließ, weil sie ihn daran hindern wollte, nicht zur Polizei zu gehen. Jetzt musste er nur noch herausfinden warum. Hoffentlich hatte er sich mit ihrer Rettung nicht selbst in große Schwierigkeiten gebracht. Ein Mann seines Stellenwertes…

„Sem, du musst mir helfen!“ Ihre eindringliche Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und seine Augenbrauen schossen in die Höhe. „Ich erinnere mich, dich sagen gehört zu haben, dass du meine Hilfe nicht brauchst.“

„Du darfst die Polizei nicht rufen! Jemand ist hinter mir her!“

„Das widerspricht sich jetzt doch irgendwie, Süße.“ Er griff nach der Teekanne, die er hatte für sie nach oben bringen lassen und goss ihr eine Tasse ein. Sie ließ ihn bei keiner seiner Bewegungen aus den Augen und er seufzte: „Ich werde nicht aufspringen und zur Polizei rennen, wenn es das ist, was du meinst. Aber du musst wenigstens in ein Krankenhaus!“

„Nein! Ich muss mich verstecken und herausfinden, wer hinter mir her ist!“, widersprach sie hysterisch und eine entzückende Röte trat bei dieser Aufregung auf ihre Wangen.

„Auch das widerspricht sich. Was soll ich deiner Meinung nach tun?“

„Ich weiß nicht.“ Sie warf ihm verzweifelte Blicke zu. „Kannst du mich mit zu dir nach Hause nehmen? Nur für eine Woche!“

Er riss die Augen auf. War sie wirklich so naiv, sich in ihrem Zustand bei einem Fremden einzuquartieren? Oder spielte sie nur irgendeine kranke Rolle und wusste genau, wer sie war… wusste genau, wer er war??

„Sem?“

Wieder erwachte er durch ihre Stimme und sah sie mit gerunzelter Stirn an. Was sollte er ihr sagen? „Ich habe kein Zuhause.“ Sie riss die Augen auf und erkannte Mitleid darin, woraufhin er sofort wütend wurde. „Ich bin zu viel auf… Geschäftsreisen.“

„Du wohnst nur in Hotels?“ Das Verstehen wich einer seltsamen Begeisterung, die er bei einer Frau noch nie als Reaktion auf diese Lebensweise gesehen hatte und sein erster Eindruck, dass sie anders als alle war, die er bis dahin kennen gelernt hatte, bestätigte sich.

„Vorwiegend. Hör zu, ich habe dir meine Hilfe angeboten und das war mein Ernst, aber wenn ich dich weder zur Polizei bringe, noch ins Krankenhaus und dir dann etwas passiert…“

„Ich werde hier im Hotelzimmer bleiben, wenn dich das beruhigt.“, ging sie eilig dazwischen und er sah sie zweifelnd an. „Ich dachte, du willst die finden, die hinter dir her sind? Und würdest du jetzt bitte mal erzählen, was eigentlich mit dir passiert ist? Wenn ich dir helfe, ist ein Mindestmaß an Vertrauen ja angebracht, oder?“

Sie stellte verzückt fest, dass sein Akzent noch deutlicher wurde, wenn er wütend war und verkniff sich ein leises Lächeln. „Zuerst will ich mich verstecken und versuchen, mich zu erinnern… dann mache ich mir einen Plan, ja? Ich habe einfach das Gefühl, dass das das Richtige ist. Was mit mir genau passiert ist, weiß ich selber nicht. Als ich zu mir kam, hatte ich keine Erinnerungen mehr. Ich saß im Auto auf einem Parkplatz hinter einer Tankstelle und hinter dem Auto waren zwei große Blutlachen… Auf dem Rücksitz war Babyzubehör…“

Wie nüchtern sie das vortrug. Nur bei den letzten Worten flackerte etwas in ihren Augen. Er wusste genau, dass es falsch war, sie einfach hier zu behalten. Wenigstens in ein Krankenhaus hätte sie gemusst, doch wahrscheinlich wäre sie nur weggelaufen, wenn er sie dazu genötigt hätte. „Also schön.“

Sie sah ihn voll geschockter Verzückung an und wieder wurde ihm dabei schmerzhaft klar, wie blutjung sie noch war. „Wirklich?“

„Ja… und hier. Den hast du vorhin verloren.“ Damit reichte er ihr ihren Personalausweis und sie nahm ihn entgegen wie etwas unendlich Kostbares. „Samira Sinner. Klingt nach purer Sünde.“

Sie hörte ihn schon gar nicht mehr und schien jede Information des Papiers in sich aufzusaugen, als könnte sie damit ihre verlorengegangene Identität zurückgewinnen. „Ich bin erst neunzehn? Ich fühle mich aber viel älter!“

Angesichts ihres schockierten Gesichtsausdrucks musste er lachen. „Das tun viele neunzehnjährige.“

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu und sah dann sofort wieder auf ihren Ausweis herunter. „Und du kannst dich wirklich an gar nichts erinnern? Nicht einmal an das Kind?“

„Ich sagte doch, es ist alles weg. Ich habe dir alles gesagt, was ich weiß… einem völlig Fremden.“ Letzteres murmelte sie stirnrunzelnd wie zu sich selbst.

„Ich bin aber momentan der einzige, den du kennst, was uns schon zu viel mehr als nur zwei Fremden macht, findest du nicht?“

Wieder fuhr ihr Kopf zu ihm hoch und begegnet seinen strahlend blauen Augen mit der stetigen Herausforderung darin. Für sie war er nicht nur ein Fremder sondern so etwas wie ein Wesen von einem fernen Planeten. Lag das an der Situation? Oder lag es an ihm? Wahrscheinlich würde sie das erst herausfinden, sobald sie einmal auf einen anderen Menschen traf, doch das kam wegen ihres Versprechens an ihn ja vorerst nicht in Frage. Sie hatte sich in Ketten gelegt, was sie ärgerte und irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass er genau das beabsichtigt hatte. „Wie wäre es denn, wenn du mir auch etwas von dir erzählen würdest? Schließlich wohnen wir die nächsten Tage unter einem Dach.“

Er stand auf und seine Stimme klang locker, doch irgendetwas an seinem Verhalten und seinen knappen Worten ließ sie aufhorchen. „Ich bin nicht oft da, keine Bange. Hm… was könnte ich dir erzählen… mein Name ist Sem Kramer, ich bin einunddreißig Jahre jung und reise durch die ganze Welt.“

Er grinste sie an und gerne hätte sie ihn gefragt, was genau er beruflich tat und ob er Frau und Kinder hatte, bremste sich aber gerade noch rechtzeitig. Sie kannten einander kaum zwei Stunden, das stand ihr also nicht zu. Ohnehin hatte sie das Gefühl, dass er ihr bereits mehr erzählt hatte, als ihm lieb war und so beschloss sie, ihn die nächsten Tage durch Beobachtung kennen zu lernen. Das würde sicher höchst interessant werden und sie konnte nicht sagen, dass es sie groß störte, dass ein schöner Fremder ihr behilflich war. Das lenkte sie zumindest von der Leere in sich ab.

„Morgen lernen wir uns etwas kennen und überlegen, was wir tun. Dann muss ich für zwei Tage weg, aber ich komme zurück, okay?“

„Okay.“

Wo musst du hin? Und warum? Was tust du? Wer bist du? Warum nur will ich mehr über dich erfahren als über mich selbst? Warum habe ich das Gefühl, mich wieder finden zu können, wenn ich dein wahres Ich finde? Diese Fragen schossen ihr durch den Kopf, während sie einander anlächelten und ihr Herz in ihrer Brust zerbarst. Er war ihr unheimlich vertraut. Es fühlte sich so an, als ob ihre Seele ihn erkannte. Vielleicht aus einem früheren Leben…

„Wieso hilfst du mir eigentlich?“

„Weil du mich darum gebeten hast.“, war die schlichte Erwiderung. „Und weil du mir gefällst.“

Was weit untertrieben war. Er wusste nicht zu beschreiben, was genau sie mit ihm tat, aber sie berührte etwas tief in seinem Inneren, von dem er bis zu diesem Tag nicht einmal gewusst hatte, dass es existierte.

„Sem? Ich kann dir das nicht zurückzahlen. Ich habe nichts, was ich dir geben könnte.“

Er lächelte. „Da mach dir mal keine Sorgen. Ich habe alles.“

Sie lächelte verwundert und dankbar. „Wenn man dir nicht in die Augen sieht, könnte man denken, du wärst ein Engel. Vielleicht bist du das ja auch. Du hast mir das Leben gerettet.“

„Glaub mir, ich bin alles andere als ein Engel.“, erwiderte er schmunzelnd und fügte besorgt gedanklich hinzu: Ich bin ein Rockstar.