Tag 2 - Wunder und Magie

Unser erster Morgen auf der grünen Insel. Mein erster Morgen in Fanore 😊

 

Das erste Mal erwachte ich an diesem Morgen kurz vor vier, als ich laute fröhliche Stimmen und das Geklapper von Geschirr im Gesellschaftsraum vernahm. Natürlich vermutete ich es gegen sechs oder sieben, aber es war tatsächlich gerade mal vier!! Die ganze Familie schien putzmunter und auf den Beinen und frühstückte. Ich hörte lächelnd dem Singsang ihrer fröhlichen Stimmen zu und fiel wieder in den Schlaf.

 

Als ich das nächste mal erwachte war es tatsächlich sieben. Ich öffnete die alten Holzläden und begrüßte das Wunder eines neuen Tages; die Nebel, die endlos die grünen Hänge hinauf kletterten. Ich zog mich – wie ich glaubte in weiser Voraussicht – warm an, was sich später noch als fataler Fehler herausstellen sollte und bereitete mich darauf vor, den ersten Tag meines Abenteuers zu beginnen.

 

In der Küche erwarteten uns viele kleine Leckereien, bei denen wir uns nach Herzenslust bedienen konnten. Frisches Obst, echter irischer Joghurt, Mini-Croissants mit Schokoladenfüllung, Frisch gekochte Eier…. Es war einfach wie alles am Fermoyle Farmhouse liebevoll und perfekt.

 

Nach dem Frühstück fuhren wir zuerst Richtung Norden nach Ballyvoughn, wo wir eine wunderschöne alte Kirche entdeckten, die von einer Marienstatue bewacht wird. Mein persönliches Highlight dort waren die im Kreis angeordneten Grabsteine, in deren Mitte jeweils eine menschliche Figur ausgeschnitten war. So wirkte es wie ein ritueller keltischer Tanz ums Feuer. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich bei diesem Anblick, ob den Iren klar war, wie sehr sie neben ihren katholischen Wurzeln den keltischen Glauben auslebten. Ein Volk voller Widersprüche. Laut und trinkfreudig. Gleichzeitig tiefsinnig und gläubig.

Micha und ich beschlossen, die Gegend weiter mit dem (lädierten) Leihwagen zu erkunden und hielten an zwei Aussichtsplattformen, wo man aufgrund des dichten Nebels allerdings nicht viel sah. So beschlossen wir den Dolmen zu suchen, der auf dem Cover unseres Reiseführers abgebildet war und fanden ihn ganz in der Nähe auf unsrer Route.

Obwohl dort schon große Reisebusse Touristenströme versprachen, war die Aura, die diesen Ort umgab magisch, da er mitten auf einem karstigen Feld lag, fernab der Straßen und Dörfer. Der Flötenspieler in der Nähe des Parkplatzes und der dichte Nebel taten ihr Übriges.

 

Umständlich kletterten wir über das brüchige Karstgebiet zu dem Dolmen. Und da stand er. Wie eine Pforte in eine andere Welt. Der Deckstein liegt so schief auf, dass man glaubt, er würde jeden Moment herunterrutschen. Doch er bleibt, wo er ist - wie seit Jahrhunderten schon. Wenn man vor so einem Wunder steht, wird einem schnell klar, dass es nicht menschengemacht sein kann. Es war eine von vielen Spuren des Göttlichen, die ich auf meiner Reise durch dieses magische Land noch entdecken würde.

Das nächste Wunder war das festgeplante Ziel für diesen Tag – die Cliffs of Moher. Schon auf der Fahrt dorthin riss der Himmel auf und offenbarte eine überraschend heiße Sonne. Schnell wurde mir klar, dass ich meine wollene Unterhose und meinen Pullover ablegen musste. Ich hatte zwar gelesen, dass man in Irland an einem Tag alle Jahreszeiten durchleben konnte, aber dennoch war es schwer vorstellbar gewesen. Zum Glück hatte ich immer Wechselsachen dabei!

 

Wir stellten den Wagen auf dem Parkplatz ab und gingen zuerst zum Besucherzentrum, das – einer Höhle gleich – in die grasigen Hügel eingebettet ist. So zerstört es nicht die atemberaubende Landschaft, sondern ist einfach ein menschengemachtes Tüpfelchen auf dem I. Im Schmuckladen holte ich mir und meiner Seelenschwester, die zuhause auf meine Katze aufpasste, erstmal echten keltischen Schmuck ( ein blaues funkelndes Kleeblatt für sie und ein grünes für mich), ehe wir den mühsamen Aufstieg der Klippen begannen. Zwar muss man hier nicht über Felsspalten klettern, was meine Worte vielleicht nahelegen, doch die enorm heiße Sonne (gefühlt siebenundzwanzig Grad) und der steile Weg brachten uns außer Atem.

 

Nicht jedoch so sehr wie der Ausblick, den ich weder mit Worten noch durch die Fotos wiedergeben kann. Die ursprünglichen Klippen stemmen sich wie wütende Riesen aus dem Meer. Auf dem Weg an ihnen entlang (ich rede hier nicht vom offiziellen Weg, denn der wird durch hohe Steine begrenzt, die jede Sicht verhindern. Ich rede von dem inoffiziellen Weg, den hunderte Pilger mit uns gegangen sind) gab es keine Begrenzungen zwischen mir und dem Sturz in die Tiefe. Und ich (ich! Jemand, der auf der dritten Stufe einer Leiter schon vor Angst zusammenbricht) hatte keine Angst. Respekt, aber keinerlei Furcht. Das rauschende Meer, das gegen die Felsen schlug, die vielen Seevögel, der vergisss-mein-nicht blaue Himmel, das sattgrüne Gras, der Geruch, die Weite – das alles ließ mich nichts als Dankbarkeit und Demut empfinden.

 

Während wir die Klippen entlang wanderten, frischte ein Wind auf und innerhalb einer halben Stunde waren dichte Nebelschwaden aufgezogen. Wie aus dem nichts. Kein Wunder, dass Irland das Land der Mythen und Legenden ist. Ich kann nicht sagen, bei welchem Wetter mir die Klippen besser gefallen haben, doch auf jeden Fall war ich dankbar, dass Micha gleich am Anfang so gute Fotos gemacht hatte, denn nun sahen wir kaum die Hand vor unseren Augen. Wir wanderten zurück und in die andere Richtung, wo noch ein kleiner Turm stand. Dort legten wir noch eine kleine Rast ein, völlig hungrig und müde vor Anstrengung und Adrenalin.

 

Hier ein kleiner Insider für Harry Potter Fanatiker wie mich: wusstet ihr, dass die Horkrux-Szene aus „Halbblutprinz“ auf diesen Klippen gedreht wurde? Ich habe sogar den Eingang der Höhle gesehen, in dem die Inferi auf Opfer warten. Wirklich! 😉

 

Nach den Klippen ging es zurück nach Fanore, wo wir am Fanore Beach parkten und ich erstmals den Strand betrat, der dafür sorgte, dass Fanore auch „Der goldene Hang“ genannt wird. Der Sand leuchtete golden mit den Strahlen der untergehenden Sonne um die Wetter – inzwischen hatten sich Wind und Nebel wieder verzogen, sodass wir sogar mit den Beinen in den Wellen herum sprangen. Zwar ist der Strand anders, als ich ihn mir beim Schreiben meiner Trilogie „Geschöpfe der Sonne“ immer ausmale, doch wenn ich meine Augen gegen die Sonne abgeschirmt und Richtung Dorf geschaut habe, hätte ich schwören können, zwischen den Sphären Maureens Cottage auf den Felsen ausmachen zu können.

 

Danach ging es zum Abendessen und auf ein Guinness wieder ins Pub, wo eine alteingesessene Gruppe aus zwei Musikern fröhliche irische Lieder spielte, ehe wir – dieses mal ohne mit dem Auto die Mauer zu küssen – zurück in die Unterkunft fuhren und ins kuschelweiche Bett fielen.