Tag 4 - Wir haben Eden gefunden!

An diesem Morgen empfand ich beim Aufstehen tiefen Abschiedsschmerz. Seit unserer Ankunft im Fermoyle Farmhouse hatte ich schon gewusst, dass keine unserer zukünftigen Unterkünfte so schön sein würde. Ich warf einen letzten Blick auf die Hügel, die sich hinter dem Haus in den Himmel reckten, ehe ich diesem Flecken Erde fürs Erste Lebewohl sagte.

 

Danach begann unsere dreistündige Fahrt zur Dingle-Halbinsel, die unser Reiseführer mit den Worten anpries, dass sie an Dramatik kaum zu übertreffen sei. Recht hatte er! Ich wusste nicht, wie hügelig Irland ist. Oder wie eng und beängstigend die Straßen den Pass hinauf sind. Und Schafe, wohin das Auge sah. Am Straßenrand, auf den Hängen, links und rechts auf den Weiden. Doch wir haben es überlebt 😊

 

Selbst als wir einen steinigen Hang die Klippen hinunter geklettert sind für einen einmaligen Ausblick (ich weiß bis heute nicht, was mich zu diesem Wahnsinn getrieben hat). Zusammengefasst besteht Dingle aus traumhaften Stränden, wildem Meer und rauen Hügellandschaften und ist das Paradies für Liebhaber ursprünglicher Natur schlechthin!

 

Wären die Straßen nicht so eng gewesen, hätte ich das ganze wohl noch besser genießen zu können. Doch genau darin liegt der Charme Irlands: nicht die Natur passt sich den Menschen an, sondern umgekehrt. Hoffen wir, dass es lange noch so bleibt.

 

Für mich der schönste Flecken Erde (natürlich immer nach Fanore) ist der letzte Strand, den wir in Dingle passierten, ehe wir die Halbinsel wieder verließen. Er brannte sich mir zuerst durch die leisen Flötenklänge ins Gedächtnis, die von einem alten Mann kamen, der es sich auf einer der ursprünglichen Steinmauern (die uns am Ankunftsabend zum Verhängnis geworden sind) auf einem kleinen Parkplatz gemütlich machte, von dem man direkt auf die kleine Bucht mit ihrem goldenen Sandstrand hinunter sehen konnte. Micha (der schon sehr viel gesehen hat in der Welt) sah mich an und uns war beiden klar: dort müssen wir hin!

 

Die Sonne schien wundervoll von einem babyblauen Himmel. Einige ganz hartgesottene einheimische Kinder tobten sogar in den wilden Wellen der ungestümen Brandung. Wir fuhren zum nächsten Parkplatz und gingen den kleinen Weg bergabwärts Richtung der kleinen Bucht, die sicher einer der besten Geheimtipps ist. Auf dem Hügel darüber liegen einige Häuser, die man wohl kaum als Dorf bezeichnen kann und die Bucht ist touristisch überhaupt nicht überlaufen und somit umso perfekter. Ein kleines Rinnsal, kaum Wasserfall zu nennen, sprudelte einen Felsspalt die felsige Steinwand hinunter, an die sich die Bucht schmiegt.

 

Die Brandung begrüßte uns mit der Urgewalt Gottes. Micha zog seine Schuhe aus und war sofort mit den Beinen in den Wellen. Ich sah ihm zögernd nach und zögerte eine Sekunde zu lang – die nächste Welle verschluckte meine Beine mitsamt den Schuhen und tränkte meine Füße in eiskaltes Wasser. So nahm Irland mich das erste Mal richtig für sich ein 😊

 

Nachdem ich im Auto Socken und Schuhe gewechselt hatte (ich war schließlich gut vorbereitet, nicht so gut allerdings, um der Welle rechtzeitig ausgewichen zu sein), ging es über den Pass Richtung Killarney, wo unsere zweite Unterkunft – das Kingdom House – auf uns wartete.

 

Ich weiß, man soll keine Vergleiche ziehen, doch ich kam nicht umhin, an die stets offenstehende rote Tür in Fanore zu denken, als wir minutenlang vor der geschlossenen Pforte in Killarney warteten und wie Einbrecher um das Haus schlichen.

 

Als wir die Klingel endlich gefunden hatten, öffnete uns ein junger Mann, der sich als Keith vorstelle. Er war nett, aber bei weitem nicht so warmherzig wie Patrick und Jessica aus Fanore. Er fragte uns, was wir am Morgen frühstücken wollten und wir entschieden uns für Pancakes, auf die ich mich nach der anstrengenden Tour des Tages ernsthaft freute.

 

Nachdem wir unser Gepäck in dem kleinen Raum abgestellt hatten, in dem kaum mehr als ein Bett und ein Schrank passten, machten wir uns gleich wieder auf Achse, um Killarney etwas zu erkunden. Es war ein kühler Abend mit einem eiskalten Wind, sodass wir bald Zuflucht in einem kleinen Pub suchten und nicht viel von dem Städtchen zu sehen bekamen. Doch eins fiel uns sofort auf – es war bei weitem schöner als das so oft besungene Galway.

 

In dem Pub, indem wir einkehren, herrschte Aufregung. Die irische Nationalelf spielte gerade. Freudig setzten wir uns an einen der hinteren Tisch mit Blick auf einen der Flatscreens. Unweit von uns saßen zwei rabiat wirkende Frauen, die mit lautem Geschrei und Gefluche ihren Emotionen während des Spiels Luft machten. Am Ende unterlag Irland Serbien katastrophal. Sie sind nun einmal eher die Dichter und Denker 😉